Andacht zu Jesaja 40,31
Wenn Jesaja diese berühmten Worte niederschreibt, wendet er sich nicht an Anfänger des Glaubens, sondern an ein Volk, das eine lange Geschichte mit Gott hinter sich hat und tief erschöpft ist. Die Jahre in der babylonischen Exilzeit hatten die Zuversicht der Israeliten zermürbt. Sie glaubten, Gott habe ihren Weg aus den Augen verloren und kümmere sich nicht mehr um ihr Recht. In genau diese Situation der schleichenden Ernüchterung hinein spricht der Prophet. Wer seit vielen Jahren Verantwortung in einem Unternehmen, einer Gemeinde oder einem christlichen Werk trägt, kennt diesen Zustand nur zu gut. Es ist selten der plötzliche Zusammenbruch, der uns zusetzt, sondern die jahrelange Beanspruchung, das ungemerkte Abgleiten in die reine Selbsterhaltung und das Gefühl, dauerhaft aus den eigenen, beschränkten Reserven schöpfen zu müssen. Jesaja erinnert uns daran, dass selbst die Besten ermatten, wenn sie sich auf ihre eigene Routine und Führungskompetenz verlassen. Das Wort, das wir gewöhnlich mit „harren“ übersetzen, bedeutet im hebräischen Urtext weit mehr als ein passives Abwarten. Es beschreibt ein aktives, gespanntes Ausrichten des ganzen Lebens auf Gott. Wer auf den Herrn harrt, tauscht seine eigene Kraft gegen die Kraft Gottes ein. Bemerkenswert ist dabei die Dynamik des Textes: Sie beginnt mit dem Fliegen wie ein Adler, führt über das Laufen und mündet schließlich im schlichten Gehen. Die geistliche Reife zeigt sich meist nicht in den spektakulären Höhenflügen oder den großen strategischen Sprüngen, die uns wie ein Ausdauersprint fordern. Die eigentliche Herausforderung für erfahrene Leiter liegt im dauerhaften, unspektakulären Wandeln — im Ertragen des Alltags, in der Bewältigung zäher Routine und im Aushalten von Konflikten, ohne dabei zynisch oder innerlich taub zu werden. Prüfen Sie sich heute ehrlich: Wo haben Sie in den letzten Wochen versucht, geistliche oder betriebliche Verantwortung mit rein menschlicher Willenskraft zu tragen? Wo leiten Sie Menschen aus der Substanz der Vergangenheit statt aus der frischen Verbindung zu Gott? Seine Zusage gilt: Neue Kraft bekommen nicht die, die sich noch mehr anstrengen, sondern die, die die Quelle wechseln. Machen Sie heute einen konkreten Schritt des Harrens. Unterbrechen Sie Ihren Arbeitsalltag für fünfzehn Minuten. Schließen Sie die Bürotür, legen Sie das Telefon beiseite und treten Sie bewusst aus der Rolle desjenigen heraus, der alles entscheiden und zusammenhalten muss. Übergeben Sie Gott in dieser Stille eine konkrete Sorge, die Sie zurzeit belastet, und lassen Sie sie bewusst bei ihm. Herr, du siehst unsere Verantwortung und du kennst unsere Grenzen. Verzeihe uns, wo wir versucht haben, deine Aufgaben mit eigenen Mitteln zu bewältigen. Wir bringen dir unsere Müdigkeit und bitten dich um den Kraftwechsel, den du versprochen hast. Schenke uns heute die Nüchternheit für die Pflichten des Tages und das Vertrauen auf deine Zusage. Amen.
Redaktioneller Beitrag aus dem matchNetz-Empfehlungsnetzwerk.