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Andacht

Andacht zu Römer 12,17-18

Paulus schreibt diesen Brief an Menschen, die mitten im Machtzentrum des Römischen Reiches leben. Sie kennen politische Ränkespiele, wirtschaftlichen Druck und persönliche Anfeindungen. In genau diesen Alltag hinein formuliert der Apostel keine weltfremde Utopie, sondern eine bemerkenswert nüchterne Verhaltensregel. Vergeltet niemandem Böses mit Bösem, sondern seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Für Menschen in Führungsverantwortung – ob im Unternehmen, in der Gemeindeleitung oder in einem christlichen Werk – sieht dieses Vergeltungsmuster selten nach offener Aggression aus. Es ist vielmehr die subtile Quittung. Das gezielte Vorenthalten von Informationen, die spürbare Distanz gegenüber einem schwierigen Vorstandskollegen, der feine zynische Unterton in der Besprechung oder das kühle Nachkommen rein vertraglicher Pflichten ohne jedes Entgegenkommen. Wir neigen dazu, solches Verhalten mit der Ungerechtigkeit des anderen zu rechtfertigen. Wir sagen uns, dass wir nur angemessen reagieren. Paulus schneidet diesen Ausfluchtspunkt konsequent ab. Das Fehlverhalten unseres Gegenübers ist niemals die Erlaubnis für unsere eigene Härte oder verdeckte Bosheit. Stattdessen fordert der Text dazu auf, auf das Gute bedacht zu sein. Das bedeutet, vorausschauend und aktiv nach Wegen zu suchen, die konstruktiv, ehrbar und für alle Beteiligten nachvollziehbar sind. Es erfordert geistliche Professionalität. Wo hast du in den letzten Wochen angefangen, heimlich Buch zu führen? Wo zahlt deine Haltung zurück, weil du dich missverstanden oder hintergangen fühlst? Die tiefste Entlastung und zugleich die schärfste Gewissensfrage liegt jedoch im folgenden Vers: Ist es möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Paulus ist Nüchternheitslehrer. Er weiß, dass Frieden zwei Parteien braucht. Du kannst den Mitarbeiter nicht zur Einsicht zwingen, den Geschäftspartner nicht zur Ehrlichkeit bekehren und ein Gemeindemitglied nicht zur Versöhnung bewegen. Es gibt Situationen, in denen Grenzen gezogen werden müssen. Aber die entscheidende Hürde lautet: Soviel an euch liegt. Die Frage ist also nicht, ob der Konflikt bereits beigelegt ist, sondern ob die Blockade tatsächlich beim anderen liegt – oder ob du von deiner Seite aus Steine im Weg liegen lässt. Prüfe heute eine einzige festgefahrene Beziehung in deinem Arbeits- oder Leitungsfeld. Frage dich ganz nüchtern: Welcher Schritt zur Beilegung oder Deeskalation steht von meiner Seite aus noch aus? Welches Signal der Gesprächsbereitschaft kann ich senden, ohne meine Integrität zu opfern? Geh heute genau diesen einen Schritt, unabhängig davon, wie die Antwort ausfallen wird. Herr, du kennst die Spannungen, in denen wir stehen, und die Verletzungen, die uns treffen. Bewahre uns davor, Gleiches mit Gleichem zu vergelten oder subtile Rache zu üben. Schenke uns die Klarheit zu erkennen, was in unserer Verantwortung liegt, und den Mut, unseren Teil zum Frieden beizutragen. Gib uns ein freies Herz, das nicht vom Verhalten anderer bestimmt wird. Amen.

Redaktioneller Beitrag aus dem matchNetz-Empfehlungsnetzwerk.